In Sebalds Landschaft

In Sebalds Landschaft


In einem Text über Bruce Chatwin verband W.G. Sebald einmal die Anerkennung für dessen Biografen Nicholas Shakespeare mit einem für ihn nicht untypischen Seitenhieb gegen den deutschen Literaturbetrieb. „In unserem vom guten Durchschnitt bestimmten Land, in dem die Kunst der Lebensbeschreibung in niedrigem Ansehen steht“, so Sebald, gäbe es niemanden, der zehn Jahre auf den Spuren eines Anderen ginge, wie es Shakespeare getan hätte, „in den Vororten von Birmingham, in London, im walisischen Grenzland, auf der Insel Kreta und dem Berg Athos, in Prag, in Patagonien, in Afghanistan, Australien und im dunkelsten Afrika, um die Zeugen aufzusuchen, die berichten konnten von diesem wie ein Komet an ihnen vorübergezogenen Menschen.“ Genau zehn Jahre ist es nun her, dass Sebald bei einem Autounfall in der Nähe seines Wohnortes Norwich in England ums Leben kam. Auch von ihm lässt sich sagen, was er Chatwin bescheinigt, dass er nämlich „nach jedem Maßstab außergewöhnliche“ Bücher hinterlassen hat. Meines Wissens hat sich noch niemand aufgemacht, um Sebald die gleiche Referenz zu erweisen wie Shakespeare Chatwin. Man müsste wohl im Allgäu beginnen, dann nach Fribourg und sodann nach Manchester sich begeben, man müsste Belgien, Korsika, Marienbad und Theresienstadt besuchen, Abstecher nach Biel, Bern, München und Bamberg machen und sich viel Zeit vor allem für den Südosten Englands nehmen, für die Gegend um Norwich und die Grafschaft Suffolk.

Breitgezogene Keile wabern am Himmel wie ein Spiegelbild auf unruhigem Wasser. Die Gänse kommen zurück. Bevor man empor blickt, hört man ihre ächzenden Rufe. Sie sind zu früh, denke ich, was wollen die schon wieder hier? An umgegrabenen Feldern vorbei führt der Weg an ein breites Flussbett, in dem sich das Wasser zur Ebbe in einige Furchen verloren hat. Ein paar Vögel hocken im Schlick oder staksen die Schwemmlinie nach Essbarem ab. In einigen Stunden wird die zurückkehrende Flut den Blick fast vollständig ausfüllen, und in ein paar Wochen werden die Zugvögel zurückgekehrt sein ins Schilf und in die Büsche und Hecken und Baumkronen. Auf den Feldern werden Zwiebeln wachsen und Möhren und Erbsen für die Tiefkühlindustrie in Lowestoft. Wenn ab Mai die Traktoren ihre Bahnen fahren, riecht es in Suffolk überall nach Gemüse. Am Rand mancher Felder hält sich über den ganzen Winter ein schwacher Zwiebelduft und man muss nicht tief buddeln, um die übrig gebliebenen Möhren der Herbsternte aus der roten, sandigen Erde zu holen. Essen kann man die allerdings nicht. Innerhalb weniger Stunden schlüpfen aus ihnen die Fliegen.

Im Sommer 1992 machte sich W.G. Sebald auf eine Fußreise durch diese Landschaft. Drei Jahre später kam Die Ringe des Saturn heraus, eine assoziative Erzählung, die auf dieser Wanderung beruht und die bis heute das meistgelesene Buch des deutschen Exilanten in seiner Wahlheimat England ist. Die Ringe des Saturn ist jedoch keine Reisebeschreibung, sondern eher das Journal einer mäandernden Recherche in Archiven, Enzyklopädien und Biografien, die sich teils wohl an diese Wanderung anschloss, teils ihr vorangegangen war. Die Landschaft wird in diesem Buch zu einer Keilschrift, in der Sebald eigene Erinnerungen, unbekannte Genealogien und vor allem die sichtbaren und unsichtbaren Spuren der Zerstörung liest, von der letztlich alle seine Bücher handeln.

An der Landschaft in Suffolk ist nichts Erhabenes, das einen aus den Angeln höbe. Alles ist flach und weit, auf Augenhöhe und zu Fuß zu erreichen. Allenfalls die meterhohen Hecken kommen dem Blick bisweilen in die Quere. Seit Jahrhunderten fassen sie die Felder ein und säumen die Straßen und Wege. Sie bilden ein festes Spalier, aus dem einem unsichtbare Vögel spöttische Fragen zurufen. Über kurz oder lang jedoch findet sich ein grünes Schild mit der Aufschrift „Footpath“ oder „Bridle Way“, das einem eine Lücke weist.

Wenn man länger und öfter in der englischen Landschaft herumläuft, werden einem diese Schilder vertraut und verlässlich. Sie gehören zur langen Geschichte des auf der britischen Insel verbrieften „Right to Roam“, des Rechts eines jeden, sich ohne Hindernisse zu Fuß durchs Land bewegen zu können. Je mehr das Land zu Grundbesitz wurde, desto mehr wurde dieses Recht zu einem Konfliktfeld für Grundsätzliches. Es kollidieren hier zwei Tendenzen der liberalen Tradition, das Recht auf Eigentum und die Bewegungsfreiheit. Beide richteten sich einmal gegen die absoluten Machtansprüche der Monarchie. Bald jedoch geriet die gefräßige Freiheit der Landbesitzer in Clinch mit der knapper werdenden Freiheit derjenigen, die nichts besitzen außer ihrer Arbeitskraft, und die zu deren Erhalt wenigstens sonntags sich eine Weile die Füße vertreten wollen. Wo ihnen auch dies verwehrt wurde, kam es spätestens seit der Wende zum 20. Jahrhundert zu Handgreiflichkeiten. Zu einem Meilenstein dieser Auseinandersetzung wurde der „Mass Trespass“ am Kinder Scout, einem Hochplateau zwischen Sheffield und Manchester. Am 24. April 1932 verabredeten sich dort einige hundert Arbeiterinnen und Arbeiter zu einem Akt kollektiven Ungehorsams, der in nichts weiter bestand, als einen Spaziergang zu machen, und dem noch heute mit einem jährlichen „Forbidden Britain Day“ gedacht wird.

„To ramble is to wander in mind or discourse, to be desultory, incoherent or delirious, but also to go as fancy leads, to wander the countryside, to walk for pleasure“, heißt es in einer kleinen bei Freedom Press in London erschienenen Schrift, die sich der Geschichte des “Right to Roam” widmet und allerlei Tipps gibt, wie man sich dieses nimmt, wenn es einem verwehrt wird. Das „Rambling“, das lustvolle Streunen und richtungslose Herumwandern, hat seine sprachliche Entsprechung im freien Assoziieren und sinnfreien Reden. Es ist wohl kaum verwunderlich, dass der Erzähler in Die Ringe des Saturn zu Beginn seiner Wanderung „gleich einem Strauchdieb über die Mauer klettern und sich durch das Dickicht kämpfen“ muss, um den Park des Adelssitzes von Somerleyton zu erreichen. Das Ignorieren von als Zierde getarnten Barrieren gehört zum Temperament eines Ramblers ebenso wie eines freien Geistes. Man tut Sebald kein Unrecht, wenn man im Kern seines Schreibens eine Spannung am Werk sieht zwischen dem Versuch, der Statik von Sätzen und Sinnkonstruktionen bis an den Schwindel erregenden Rand ihrer Tragfähigkeit zu folgen, und dem gegensätzlichen Antrieb, den Erzählfluss über die Ufer treten zu lassen. Am Ende mancher Sätze Sebalds muss man innehalten und zurückblicken, und man wundert sich dann, wie man im Verlauf eines Gedankengangs derartige Weiten zurücklegen konnte. Sebalds Sprache hat etwas Landschaftliches, nicht nur wegen ihrer Bildwelt, sondern auch wegen der topografischen Struktur, die sie der Erinnerung gibt. Ich bin mir sicher, dass jede Leserin Sebalds Bilder von mäandernden Landschaften und aufgetürmten Panoramen im Kopf hat, von denen sich nie genau sagen lässt, wie sie entstanden sind.

Eine solche Topografie findet man etwa im Büro der Flaubert-Expertin Janine Rosalind Dakyns, das Sebald auf den ersten Seiten der Ringe des Saturn beschreibt. Auf deren Schreibtisch „war im Verlaufe der Zeit eine richtige Papierlandschaft mit Bergen und Tälern entstanden, die inzwischen an den Rändern, so wie ein Gletscher, wenn er das Meer erreicht, abbrach und auf dem Fußboden ringsum neue, ihrerseits unmerklich gegen die Mitte des Raumes sich bewegende Ablagerungen bildete.“ An diese Papierlandschaft erinnerte ich mich, als ich vor einiger Zeit an einem regnerischen Augusttag in Norwich war und mich spontan entschlossen hatte, einen Bus mit dem Fahrtziel „University“ zu besteigen. Da das Kondenswasser an den Scheiben mir die Sicht raubte und ich es bald aufgegeben hatte, mir mit dem Ärmel ein Guckloch frei zu wischen, las ich noch einmal diese Passage. Meines Wissens gehört sie zu dem ganz Wenigen, das sich in Sebalds Büchern findet über den Ort, an dem er ab 1988 gelehrt und gearbeitet hatte.

Der Campus der „University of East Anglia“ ist ein aufgeräumter Ort, der dem äußeren Anschein nach wenig gemein hat mit den verschachtelten Schauplätzen und unsteten Heimstätten der Sebaldschen Prosa. Es gibt, so wurde mir gesagt, auf dem Gelände einen Gedenkplatz für Sebald, eine Sitzgruppe um eine Blutbuche, ich fand sie jedoch nicht. Meine an diesem Tag in Norwich beginnende Wanderung war der nicht ganz leichte Versuch, den Spuren der Sebaldschen Erzählung zwar zu folgen, mein eigenes Gehen jedoch nicht zu einem pilgernden Ablaufen von Wegmarken werden zu lassen. Tatsächlich empfand ich dieses Abenteuer dann als eine Art blinden Austausch über die Zeit hinweg, für den ich etwas später eine Beschreibung in Sebalds eigenen Worten fand, und zwar in seinem literarischen Debüt, Nach der Natur. Der zweite Teil dieses nach Art eines Tryptichons aufgebauten Prosagedichts ist dem Naturforscher Georg Wilhelm Steller gewidmet. Auf einem Landgang in Alaska erlebt Steller „in einer aus Fichtenstämmen zusammengefügten Behausung“, so Sebald, „die Wirkung verlassener Dinge in einem fremden Raum. Ein kreisrundes Trinkgefäß aus geschälter Rinde, einen mit Kupfererz durchsprenkelten Wetzstein, ein fischköpfiges Paddel und eine Kinderrassel aus gebranntem Ton sucht er mit Vorsicht aus und hinterlegt statt dessen einen eisernen Kessel, eine Schnur mit bunt aneinander gereihten Perlen, ein Fetzchen bucharischer Seide, ein halbes Pfund Tabak und eine chinesische Pfeife. An diesen schweigsamen Handel erinnert sich noch nach einem halben Jahrhundert, wie aus einem Bericht des Commandeurs Billings hervorgeht, einer der Bewohner dieser abgesonderten Gegend mit einem raschelnd nach innen gekehrten Lachen.“ Diese Begegnung mit den Dingen eines Anderen ist ein eigentümlich unbewerteter Moment, da er nicht unter der Knute des Tauschwerts stattfindet. Das Wertvolle an dem von Sebald beschriebenen Handel sind nicht die getauschten Gegenstände, sondern das Lachen dessen, der sich ein halbes Jahrhundert später daran erinnert.

Tobias Hering


erschienen in der Freitag 50/2011 (15.12.2011)

Dank an Honor und Graham Hussey, die mich seit meiner ersten Wanderung in Suffolk regelmäßig beherbergt haben.