Verausgabung als Notwehr

Die Diebin von Saint Lubin von Claire Devers

Die Rationalität der Warengesellschaft beruht auf den Grundwerten der Buchführung, wo jedem Soll ein Haben gegenüber stehen muss. „Was sie prinzipiell ausschließt“, schrieb Georges Bataille in seiner Aufhebung der Ökonomie, „ist die unproduktive Verausgabung“. Den Begriff der „Verausgabung“ behält er den verschwenderischen Formen des Energie-, Zeit- und Materialverschleißes vor, denjenigen Arten des Konsums also, die nicht wieder als Mittel der Produktion an die ökonomische Rationalität zurückgebunden sind.

Françoise Barnier ist einkaufen gegangen. Sie hat einmal richtig zugeschlagen, ihren Einkaufswagen vollgeladen, sich mal richtig was gegönnt, wie es die vorweihnachtlichen Lockangebote ihr nahe legten. Sie hat sich einmal richtig verausgabt. Nur hat sie für all das nicht bezahlt. Erst im dritten Supermarkt wurde ihr Raubzug von einem Kaufhausdetektiv gebremst.

Françoise Barnier führt akribische Bilanzen ihrer äußerst knapp bemessenen Haushaltsmittel. Auf der Einnahmen-Seite steht der bescheidene Lohn, den sie in einer Fleischfabrik verdient, das Wohngeld, das Kindergeld und die Essensmarken, die ihr die Sozialarbeiterin gelegentlich abzweigt, obwohl Françoise noch nicht zur Risikogruppe gehört. Auf der Ausgaben-Seite summieren sich die Lebenshaltungskosten, die Quittungen für ihr unauffälliges, aber beharrliches Da-sein und das ihrer beiden Töchter. Erfolg ist, wenn sie am Ende des Monats bei Null rauskommt. Sie weiß, dass das nicht alles sein kann. Sie weiß, dass wenigstens ihren Töchtern mehr zusteht, als nur das Nötigste. Deshalb wird sie am Fest der Liebe zur Diebin. Sie hat sich in ihrem Kaufrausch vergessen und nach Bataille ist sie dabei für einen Moment ihren wirklichen Interessen gefolgt, die von der Rationalität, die sie sonst beherrscht, als pathologisch verfemt sind.

Im ersten Prozess dient die Disziplin ihrer Bilanzen als Beweismaterial zu ihren Gunsten. Sie hat Soll und Haben, Muss und Kann einander gegenübergestellt, den Nährstoffbedarf ihrer Kinder mit dem Nährstoffgehalt der Spaghettis verglichen. Sie hat festgestellt, dass etwas fehlt, und ist shoppen gegangen, obwohl Weihnachten am Ende des Monats liegt. Der Kaufhausdetektiv hätte ein Auge zugedrückt, wenn sich Françoise mit Spaghetti begnügt hätte. „Aber all die Pasteten…“. „Ich weiß, dass Kinder in der Wachstumsphase gelegentlich Fleisch essen sollen“, sagt Françoise dem Gericht. Die Richterin wertet ihre Lage als Notstand und den Diebstahl demzufolge als Notwehr. Françoise wird freigesprochen.

Der Fall der Diebin von Saint Lubin erregt Aufsehen. Man befürchtet einen Präzedenzfall. Da könnte ja jeder kommen! In der Tat könnte zwar nicht jeder kommen, aber doch viele, mehr als die Ordnung verkraften würde. Um die Ordnung wieder herzustellen, geht die Staatsanwaltschaft in die Berufung. „Haben Sie eine Tiefkühltruhe zuhause, Madame?“ „Nein. Nur ein Tiefkühlfach im Kühlschrank.“ „Sprechen Sie bitte lauter, Madame, man versteht Sie nicht.“ „Nein, ich habe keine Tiefkühltruhe.“ Im zweiten Prozess konzentriert sich die Anklage auf die Tatsache, dass Françoise mehr Fleisch genommen hat, als sie und ihre Kinder jemals vor dem Verfallsdatum würden essen können. Die Inkaufnahme eines Verlusts widerspricht dem ökonomischen Prinzip der ausgeglichenen Zahlungsbilanz, dem nach Bataille „einzig rationalen Prinzip im engen Sinne des Wortes“. „Ich verstehe nicht“, sagt der Richter, der sehr wohl versteht. „Was hatten sie nur vor mit all dem Fleisch?“

„Die Kulte der Verausgabung verlangen eine blutige Vergeudung von Menschen und Tieren als Opfer“, schreibt Bataille. Wenn man sieht, wie Françoise im Schlachthaus die blutigen Kessel ausspritzt, wie sie das Blut und den Angstschweiß und den fettigen Talg der Tiere vom Boden wischt, wie sie die Opferstätte für die nächste Schlachtung vorbereitet, dann ahnt man, dass der Notstand, den sie im Kaufrausch beheben wollte, ein anderer ist, als der, den das Gesetz anerkennen könnte.

Ihr Fall ist unterdessen zu einem Politikum geworden. Für die einen beweist er die Not, in die immer größere Teile der Bevölkerung geraten. Für andere ist Françoise ein Opfer des Sozialsystems, das Immigranten besser behandele als ehrliche französische Mütter. Wieder andere nehmen den Fall zum Anlass, gegen eine lasche liberale Rechtsprechung zu wettern, die lediglich Wasser auf die Mühlen der Demagogen gieße.

In genau beobachteten Szenen und pointierten Dialogen ohne Pathos zeigt Claire Devers´ Film, wie der politische Diskurs mit Hilfe der Medien diejenigen zu instrumentalisieren versucht, die unter der politischen Praxis täglich zu leiden haben. Dass sich Françoise dem Werben des Rechtspopulisten verweigert, kann genauso wenig als Selbstverständlichkeit verbucht werden, wie eine intakte Zahlungsmoral. Denn die moralische Integrität, die Françoise damit unter Beweis stellt, ist angesichts ihrer ausweglosen Lage eine Zumutung. Die Entscheidung über richtig und falsch ist längst zur Bürde des Einzelnen geworden. Dagegen erscheinen die auf Plakatwänden unters Volk gebrachten moralischen Leerformeln und die strafrechtliche Entscheidungsgewalt, die sich die Ordnung anmisst, als blanker Zynismus. „Essen Sie gelegentlich Fleisch, Madame? Sie arbeiten doch in der Fleischfabrikation, da haben Sie doch bestimmt schon mal etwas mitgehen lassen.“ – „Nein, habe ich nicht, niemals.“ Die eine oder andere Keule – das wäre doch viel leichter gewesen, Madame. Wie dumm sie doch war.


erschienen in der Freitag, Mai 2002